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Das ewige Feuer
Leseprobe aus dem Roman "Draco - Die Brüder des Drachen"
Die wärmenden Strahlen der Sonne hatten schon begonnen, die Kühle der Nacht zu vertreiben, als Jandaldon erwachte. Der Sänger spürte Rhyas Nähe, die Berührung ihrer Hand auf seiner Brust, die Wärme ihres Körpers an seiner Seite. Er blickte zu der jungen Frau hinüber und sah, dass sie wach war und ihn anlächelte.
»Du hast lange geschlafen«, sagte sie.
»Ja.« Auch Jandaldon lächelte. »Du hättest mich wecken sollen - nun habe ich die Dämmerung dieses Tages verpasst, der der letzte meines Lebens sein soll.«
»Du willst also immer noch das Feuer suchen?«
»Ja, ich will es suchen.« Jandaldon erhob sich von seinem Lager und blickte nach Nordosten - dorthin, wo er in der Nacht zuvor das Leuchten des Feuers gesehen hatte. Der ferne Hügel war kahl, genauso wie das Land, durch das sie an den letzten Tagen gereist waren. Dort, wo kein blanker Fels zu sehen war, bedeckte meist nur kümmerliches, vergilbtes Gras das Land. Doch von dem Feuer war nichts zu sehen. Enttäuscht wandte Jandaldon seinen Blick wieder der jungen Frau zu, die mit unergründlichem Gesichtsausdruck damit beschäftigt war, ihre Kleidung anzulegen.
»Das Feuer«, sagte der Sänger. »Ich sehe es nicht mehr.«
»Es ist nicht weit«, antwortete Rhya. »Bis zum Abend werden wir es finden.«
»Woher weißt du das?«
»Warum fragst du mich das immer wieder? Ich weiß es, weil ich bin, wer ich bin. Ich kenne dieses Land und seine Wunder besser, als ich die Menschen kenne. Besser als ich dich kenne. Ich hatte gedacht, dass es für dich noch Hoffnung gibt.«
»Hoffnung? Nein, mein Leid sitzt zu tief. Und doch - du hast mir viel gegeben. Voller Verzweiflung habe ich mein Ende gesucht - nun kann ich glücklich in die Flammen gehen und ich werde mit einem Lächeln sterben.«
»Dein Lächeln könnte verschwinden, wenn die Hitze des Feuers dich umfängt. Ich habe gesagt, dass ich dich nicht hindern werde, das Feuer zu suchen, doch du solltest nicht aufhören, darüber nachzudenken. Wir wollen den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen - das gibt dir mehr Zeit für deine Gedanken.«
Sie sprachen nur wenig mehr an diesem Morgen. Noch während ihrer Morgenmahlzeit zog Jandaldon seine Laute hervor und während sie ihren Weg fortsetzten, spielte er leise die Melodie seines Liedes. Rhya beobachtete den Sänger, während sie schweigend neben ihm herging, die Craith-Echse am Zügel hinter sich führend. Jandaldon war tief in seine Gedanken versunken und der Ausdruck in seinem Gesicht zeugte von seiner Anspannung. Er schien kaum auf den Weg zu achten, auf dem seine Füße unablässig voranschritten, und sein Blick wanderte immer wieder zu dem fernen Hügel, auf dem in der vergangenen Nacht das Feuer gebrannt hatte. Es war nicht so warm wie am Vortag, denn Wolken waren aufgezogen und die Sonne hatte sich hinter ihnen verborgen. Gegen Mittag setzte leichter Regen ein und Jandaldon hielt kurz an, um seine Laute wieder in ihre schützende Umhüllung zu verstauen. Als er weiterging, begann er leise zu summen, und immer noch war es die gleiche Melodie, die er zuvor auf seinem Instrument gespielt hatte. Erst, als sie den Fuß des Hügels erreichten, löste sich seine Anspannung und er blieb plötzlich stehen, um Rhya anzulächeln.
»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, sagte er.
»Eine Entscheidung?« Rhya erwiderte den Blick des Sängers, doch sie lächelte nicht. »Wirst du deine Suche nach dem Feuer beenden?«
»Meine Suche beenden, so kurz vor dem Ziel? Nein, ich werde das Feuer suchen und ich werde es finden. Doch ich habe mich nun endlich entschieden, wie mein Lied enden soll. Ich weiß nicht, warum ich so lange gegrübelt habe - denn es ist das Ende, das ich von Beginn an vorgesehen habe.
Der Sänger starb im Feuer,
es bleibt nur dieses Lied.
Sagt ihr, die ihm einst teuer,
dass er für sie verschied.
Wirst du diese Worte zu meinem Angedenken mit dir tragen?«
»Ich werde dein Angedenken mit mir tragen und es geht weit über diese Worte hinaus. Doch siehe, wir haben den Hügel erreicht, hinter dem das Feuer auf uns wartet. Wenn wir ihn ersteigen, wirst du es sehen.«
»Dann lass uns weitergehen.« Ohne sich noch einmal umzuwenden, setzte Jandaldon seinen Weg fort und Rhya blickte ihm für eine Weile unschlüssig hinterher. Nach kurzem Zögern umfasste sie den Hals ihrer Craith-Echse und sprach ein paar Worte in das Ohr des Tieres. Dann löste sie den Zügel und lief eilig hinter dem Sänger her. Die Sonne hatte den höchsten Punkt ihrer Bahn bereits überschritten, als Jandaldon das letzte Stück des Hanges emporstieg. Die Erregung, die von ihm Besitz ergriffen hatte, steigerte sich noch, als er das Land überblicken konnte, das sich nun vor ihm ausbreitete. Vor ihm, im Norden und Osten, fiel der Fels steil zu einem zerklüfteten, steinigen Tal hin ab. Die Sonne war inzwischen aus den Wolken herausgetreten und ihr Licht ließ die Dunstschleier aufleuchten, die das Land einhüllten.
»Das Feuer«, rief Jandaldon. »Der Regen hat es verlöschen lassen.«
»Du scheinst wenig Vertrauen in das ewige Feuer zu haben.« Rhya stand neben dem Sänger und ihre Stimme war ruhig. »Es ist dort, nicht weit im Nordosten. Es hat sich in das Tal zurückgezogen, doch seine Flammen brennen weiter und kein Regen kann es auslöschen.«
»Der Weg ins Tal hinunter ist schwierig. Kennst du einen Pfad, der mich sicher hinunterträgt?«
»Warum sorgst du dich um deine Sicherheit? Suchst du nicht ohnehin deinen Tod? Ich kann dir keinen Weg weisen, denn ich kenne diese Hügel nicht besser als du. Doch ich kenne das Feuer. Es wird am Abend auf diesen Hügel zurückkehren. Wir können es hier erwarten.«
»Wir?« Endlich wandte Jandaldon seinen Blick von dem Tal und schaute in Rhyas Augen. »Du solltest nicht länger an meiner Seite verweilen. Es ist Zeit, dass du dich in Sicherheit bringst.«
»Ich weiß, was ich tue - besser als du es tust. Lass uns nun hier lagern und wir wollen noch einmal eine Mahlzeit miteinander teilen. Vielleicht wird es unser letztes gemeinsames Mahl sein.«
(C) 2010 Bernhard Weißbecker