Bernhard Weißbecker


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Will

Kurzgeschichten > Lesestoff

Ich denke immer noch oft zurück an meine ersten Wochen auf Baldur 3. Es war mein erster Einsatz, als Pilot bei der StellaSteel-Bergbaugesellschaft. Ich habe miterlebt, wie der gesamte Minenkomplex aufgebaut wurde. Es war eine faszinierende Zeit. Ich war mir vorgekommen wie einer der Siedler aus meinen Geschichtsbüchern, damals in der Schule - die Siedler, die vor langer Zeit die unerforschten Gegenden der Erde erobert hatten.
Aber eigentlich war Baldur 3 nicht unerforscht gewesen, als wir gekommen waren. Will war schon lange vor uns da gewesen, gemeinsam mit den anderen Scouts, die den Planeten gescannt und vermessen hatten. Doch Will war anders gewesen als seine Kollegen - er war selbst an Orte gegangen, an die andere nur ferngesteuerte Sonden geschickt hätten. Will hatte weite Gebiete des Planeten mit seinem kleinen Gleiter erkundet, er hatte riesige Wälder durchwandert, war auf Berge gestiegen und in dunkle Höhlen gekrochen. Und als die anderen Scouts den Planeten wieder verlassen hatten, war er dort geblieben. Für ihn war Baldur 3 etwas Besonderes - es war die Welt seiner Träume.
Eigentlich war Baldur 3 kein auffälliger Planet. Er besaß eine sauerstoffhaltige Atmosphäre, in der ein Mensch überleben konnte, doch das feuchte, heiße Klima war nur schwer zu ertragen. Und es gab noch eine Besonderheit, denn die Luft enthielt einige Beimengungen, die für den Menschen nur bedingt verträglich waren. Hauptsächlich waren es Ausdünstungen der üppigen Vegetation, die einen großen Teil der Landfläche des Planeten bedeckte.
Die StellaSteel hatte sich auf Planeten wie Baldur 3 spezialisiert. Die Rohstoffvorkommen waren nicht üppig genug, um einen der großen Konzerne anzulocken, doch eine kleine Gesellschaft konnte hier eine Menge verdienen - insbesondere wenn sie skrupellos genug war, sich über die eine oder andere Sicherheitsrichtlinie hinwegzusetzen. Die Unterkünfte der Arbeiter auf Baldur 3 waren umgewidmete Frachtcontainer, die Nahrung kam aus billigen Hydroponiktanks und die Luft, die die Arbeiter atmeten, war die Luft von Baldur 3, angesaugt durch behelfsmäßige Filter.
Aber die Luft auf Baldur 3 konnte nicht wirklich ungesund sein, denn Will hatte nie ein Atemgerät getragen, wenn er die Wälder durchstreifte, und er hatte sogar die seltsamen Früchte und Pflanzen des Planeten gegessen, ohne dass er davon Schaden genommen hätte.
Nein, der Planet hatte Will nicht geschadet, zumindest nicht physisch. Doch die Arbeiter auf Baldur 3 waren sich einig darüber gewesen, dass der alte Will verrückt war. Ich habe das nie geglaubt, denn ich habe Will immer als Freund betrachtet. Aber die Geschichten, die er mir erzählt hatte, waren wirklich schwer zu glauben gewesen - Geschichten über intelligente Wesen, die auf Baldur 3 lebten, unentdeckt von allen Forschern, die diese Welt erkundet hatten. Botaniker und andere Wissenschaftler hatten aufwendige Expeditionen durch die riesigen Urwälder durchgeführt, um die Pflanzenarten des Planeten zu katalogisieren und mit wohlklingenden Namen zu versehen.
Die Pflanzen des Planeten basierten auf den gleichen Grundstoffen wie das irdische Leben - doch es gab Aminosäuren und andere organische Verbindungen, die auf der Erde nicht vorkamen. Man hatte herausgefunden, dass einige der Pflanzen Stoffe abgaben, die eine halluzinogene Wirkung auf den Menschen haben. Will hatte diese Stoffe Tag für Tag eingeatmet. Vielleicht waren seine Sinne manchmal ein wenig verwirrt gewesen und er hatte Dinge gesehen, die es gar nicht gab. Aber verrückt ist er nicht gewesen. Vielleicht hatte er sogar mehr gewusst als die ganzen Wissenschaftler und Gelehrten, denn er hat mit den Niel’li gesprochen - den Wesen, die diese Welt seit tausenden von Jahren bewohnten.
Die Biologen rätselten, welchem Zweck die Blüten, Früchte und Duftstoffe der Pflanzen dienten, denn sie hatten kein tierisches Leben auf Baldur 3 entdeckt. Will hatte über die Wissenschaftler nur seinen Kopf geschüttelt.
Der gute alte Will - ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Es war einer meiner ersten Abende auf Baldur 3 gewesen. Ich war dem Lärm und dem Tabakqualm im Mannschaftsheim entflohen, um durch die frische Abendluft zu wandern. Während des Tages war ich mehrfach mit einem Frachtschiff zwischen der Orbitalstation und der Mine gependelt, und der Anblick der weiten, grünen Wälder hatte mich fasziniert.
Die Mine war in einen Berg hinein gegraben worden, von dessen Hängen aus man auf das endlose Grün der Wälder hinunterblickte. Der Duft der Vegetation war nur schwach wahrzunehmen gewesen, dort oben auf dem Hügel, und er war vermischt mit dem Geruch von Maschinenöl und den Abgasen der altmodischen Fördermaschinen.
Der Anblick hatte einen verblassenden Traum in mir geweckt, einen Traum aus meiner Kindheit auf der Erde. Ich erinnere mich kaum an meinen Vater, der früh gestorben war, aber ich erinnere mich an den Wald, an dessen Rand ich gelebt hatte. Es war einer der letzten Wälder der Erde gewesen und inzwischen ist auch er zugrunde gegangen.
Ich träumte davon, einen Ort zu finden, an dem ich mich so zu Hause fühlen konnte, wie ich es damals als Kind getan hatte. Ich hatte gehofft, dass dieser Traum sich auf Baldur erfüllen könnte. Als ich damals dort saß, hatte sich im Licht der Abenddämmerung ein kleiner, offener Gleiter genähert. Es war Will gewesen, der von einem seiner Ausflüge zurückgekehrt war.
Wir hatten noch am gleichen Abend Freundschaft geschlossen, denn so verschieden wir auch scheinen mochten, gab es in uns doch eine gemeinsame Sehnsucht, die uns miteinander verband. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, der alte Will und ich. Er hat mich oft mitgenommen zu seinen Ausflügen, und ich habe so wie er diesen Planeten in mein Herz geschlossen.
Meistens hatte ich ein Atemgerät getragen, denn ich fürchtete mich immer noch vor den Gefahren, vor denen man mich gewarnt hatte. Es war nicht zu bestreiten, dass Will Dinge gesehen hat, die andere Menschen nicht sahen, und das konnte nur an den Halluzinogenen liegen. Aber vielleicht hatten es ihm diese Stoffe wirklich erlaubt, Dinge zu sehen, die ansonsten unsichtbar waren - so wie die Niel’li.
Will hat mir viel von diesen Wesen erzählt. Sie waren intelligent und freundlich, doch sie betrachteten die Menschen mit Argwohn, weil diese den Planeten ausbeuten wollten und tiefe Löcher in sein Antlitz fraßen. Will hat mir auch ein paar Wörter aus der Sprache der Niel’li beigebracht. Vor allem die Namen der Pflanzen, denen wir auf unseren Ausflügen begegneten.
Die großen Bäume der Wälder hießen N’ni. Eigentlich waren es nur Blätter, jeder Baum ein einziges riesiges Blatt, wie das Segel eines Schiffes, das sich sanft im Wind wiegt. Die Stämme, auf denen diese Blätter wuchsen, waren zwei bis drei Meter hoch. Und zwischen den Bäumen wuchsen kleine Blumen, R’ae in der Sprache der Eingeborenen.
Ich selbst hatte damals nie einen der Niel’li gesehen, obwohl ich von Zeit zu Zeit auch ohne Atemgerät durch die Wälder gegangen war. Und doch - einmal hatte ich geglaubt, ein seltsames Flimmern zu sehen, irgendwo zwischen den Bäumen, doch im nächsten Moment war es wieder verschwunden gewesen. Es schien nicht mehr gewesen zu sein als ein Glitzern des Sonnenlichts auf der merkwürdig glatten Blattfläche eines Baumes. Doch Will sagte, dass dies genau dem entspräche, wie die Niel’li aussehen.
Sie sind nicht ganz materiell, oder zumindest ist die Materie ihrer Körper nicht in direktem Wechselspiel mit der unseren. Auch ihre Sprache ist nicht viel mehr als ein Flüstern des Windes in den Blättern der N’ni oder den zarten Blüten der R’ae. Will erzählte mir viel von den Niel’li, die hier lebten, und doch nicht von sich behaupteten, dass der Planet ihnen gehörte. Und sie hatten Will gewarnt, dass der Zorn des Planeten erwachen würde, wenn Fremde seinen Frieden störten.
Will hatte erzählt, dass die Niel’li nicht essen, so wie wir es tun, doch ihre Körper nehmen die Stoffe auf, die die Pflanzen in die Luft abgeben. Will hatte davon geträumt, selbst so zu werden wie die Niel’li, und er hatte geglaubt, dass er es schaffen könnte, wenn er nur lange genug in ihrer Welt lebte, sich von den Früchten des Waldes ernährte und die Luft dieser Welt einatmete. Es war Wills Traum gewesen, seine verrückte Phantasie, hinter der er seit Jahren hergejagt war.
Und doch habe ich nie geglaubt, dass Will verrückt war. Er hat Dinge gesehen, die andere nicht sahen, und er hat Stimmen gehört, die andere nicht hörten. Und diesen Stimmen verdanken fast zweihundert Männer ihr Leben.
Eines Tages kam er angerannt, und er forderte uns auf, sofort das Minengelände zu verlassen. Der Vorarbeiter hatte ihn ausgelacht, aber irgendwie konnte Will trotzdem einen der Alarmknöpfe erreichen und die Mine wurde evakuiert.
Die Niel’li mussten ihm verraten haben, dass der Berg zornig war. Woher sonst sollte er es gewusst haben? Kaum hatten die Arbeiter die Mine geräumt, als das Erdbeben kam. Es war verheerend. Weite Bereiche der Mine stürzten ein, und das Lager mit den Brenngasen geriet in Brand. Kaum einer der Arbeiter hätte die Katastrophe überlebt, wenn Will nicht gewesen wäre. Trotzdem kamen einige Menschen ums Leben, als das Gaslager explodierte. Auch Will war unter den Opfern.
Ich habe mich gegen den Willen des Minenleiters durchgesetzt und Will an dem Ort begraben, an dem er am liebsten gewesen war - eine Lichtung, bedeckt mit den kleinen, roten Blüten der R’ae und umstanden von den schwankenden Blättern der N’ni. Wenig später hatte die StellaSteel sich von Baldur 3 zurückgezogen. Der Verlust der Mine war ein schwerer Schlag für die Gesellschaft gewesen, und die Untersuchungen durch die Bergbaubehörde hatten einige der Missstände aufgedeckt. Die Menschheit hat das Interesse an dem Planeten verloren - und das ist gut so.
Jetzt hat Baldur 3 seinen Frieden wieder und der Lärm und der Gestank der Maschinen sind verschwunden. Ich habe einen Job auf der Raumstation gefunden, nicht weit entfernt von Baldur 3. Die Station ist ein Monstrum aus Stahl und Aluminium, das in der Leere des Weltalls schwebt. Will hätte diesen Ort gehasst und auch ich fühle mich dort nicht wohl. Ich habe ein Angebot für eine neue Arbeit auf Thor 2, aber ich konnte mich noch nicht entschließen, die Station zu verlassen, von der aus ich von Zeit zu Zeit nach Baldur zurückkehren kann. Auf Thor 2 bin ich nie gewesen, aber es soll dort Wälder geben, die denen der Erde ähneln.
Es fiel mir schwer, eine Entscheidung zu treffen, und ich bedauerte, dass Will mir nicht dabei helfen konnte. Vor ein paar Tagen kehrte ich noch einmal nach Baldur 3 zurück, um Wills Grab zu besuchen. Ich landete meinen Gleiter auf einer kleinen Felsplattform, fast einen Kilometer von der Lichtung entfernt. Will wollte nicht, dass irgendein Fahrzeug der Menschen den Frieden dieses Ortes stört. Mein Atemgerät ließ ich im Gleiter zurück und ich sog die warme, feuchte Luft von Baldur 3 begierig ein. Ich spürte, wie die Düfte des Waldes mich durchströmten, wie mein Geist sich öffnete und die wunderbaren Eindrücke dieser Welt in sich aufnahm.
Fast erwartete ich, Will dort zu treffen, im Gras sitzend, so wie er es früher immer getan hatte. Aber natürlich war es nicht so. Das Grab erschien so, wie wir es zurückgelassen hatten - oder zumindest fast so, denn nun war es überwuchert von den kleinen, roten Blüten der R’ae. Eine besonders schöne Blume mit einer flammend roten Blüte stand mitten auf dem Grab, so als wäre sie mit Absicht dort hingesetzt worden.
Nun, vielleicht war es wirklich so, und die Niel’li haben für ihren Freund Will diese Blume gepflanzt. Ich atmete den Duft der Blüte ein - ein berauschendes Aroma, als ob all die Wunder von Baldur 3 sich in dem Duft dieser einen Blüte vereinigt hätten.
Ich schloss meine Augen, um mich dem Rausch hinzugeben, und als ich sie wieder öffnete, sah ich das Flimmern der Niel’li um mich herum und ich hörte das dünne Säuseln ihrer Stimmen. Ich verstand nicht, was die Stimmen sagten, doch ich fühlte, dass sie glücklich waren, weil die Menschen sich von Baldur 3 zurückgezogen hatten. Ich hörte auch eine bekannte Stimme aus dem Wispern heraus - Wills Stimme. Er lebt jetzt unter den Niel’li, so wie er es sich immer gewünscht hat. Und seine Worte habe ich verstanden.
”Ich habe gefunden, was ich immer gesucht habe”, sagte er zu mir. ”Doch du musst nun weiterziehen. Ein Traum wartet auf dich und du wirst ihn finden. Die Niel’li haben es mir gesagt.”
Ich weiß nicht, woher die Niel’li meinen Traum kannten. Aber ich weiß, dass Will Recht hat. Die Station war kein Platz für mich. Ich würde nach Thor 2 gehen, so bald wie möglich. Vielleicht würde sich dort mein Traum erfüllen – oder ich würde weiterziehen. Irgendwo gibt es den Ort, der für mich bestimmt ist, und ich werde ihn finden – da bin ich mir sicher.
Denn Will hat es mir versprochen.

Erschienen in: Biosphären / Storycenter 2005, Herausgegeben vom Science Fiction Club Deutschland e.V. (SFCD)
(C) 2005 Bernhard Weißbecker

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