Kurzgeschichten > Lesestoff
Vorbemerkung: Diese Geschichte entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, bei dem eine Auswahl von Anfangssätzen aus Werken berühmter Autoren vorgegeben war. Mit einem dieser Sätze sollten auch die eingesandten Geschichten begonnen werden. Meine Wahl fiel auf den Anfangssatz der Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen" von Anton Tschechow. Leider konnte meine Geschichte keinen der Preise erringen, daher ist sie nun hier zu lesen.
Es hieß, auf der Strandpromenade sei ein neuer Kurgast aufgetaucht - eine Dame mit einem Hündchen. André war es, der mir von ihr erzählte, abends, bei einem Glas Montepulciano in Alfredos kleiner Pizzeria. Aber es dauerte noch ein paar Tage, bis ich sie selbst zum ersten Mal sah.
Ich traf sie an einem kühlen Nachmittag im Pavillon am Ende der Seebrücke. Sie kam über den hölzernen Steg auf mich zu, und es war, als würde ein Sonnenstrahl auf ihr ruhen, obwohl der Himmel in formlose, graue Schleier gekleidet war. Hatte ich die Sonne überhaupt schon einmal gesehen, seit ich hier war? Ich kann mich nicht daran erinnern, dachte in diesem Moment auch nicht darüber nach. Sie war jung - jünger als die meisten anderen Menschen, die hier leben. Sie trug ein gelbes Sommerkleid und einen Hut in der gleichen Farbe. Ihr Hund, ein kleiner schmutzigweißer Mischling, knurrte mich leise an.
“Guten Tag”, sagte sie und streckte mir ihre Hand entgegen. “Mein Name ist Clara.”
“Ich bin Rufus.” Meine Blicke hafteten an ihrem Gesicht. Unter dem Hut schauten dunkle Haare hervor, die ein schmales, fein geschnittenes Gesicht umrahmten. Sie war schön, wunderschön. Es schien sie zu verwundern, dass ich ihre Hand nicht ergriff. Wusste sie denn noch nicht, dass die Menschen hier sich niemals berühren?
“Sind Sie schon lange hier?”, fragte sie mich. Plötzlich erkannte ich, warum ihr Anblick mich so bewegte. Etwas an ihr erinnerte mich an Agnes. Eine Flut von Gefühlen stürzte auf mich ein - Gefühle, von denen ich nicht wusste, dass ich noch zu ihnen fähig war. Agnes - wie hatte ich sie vergessen können?
Ich wandte mich ab, floh vor der jungen Frau, ohne ihre Frage zu beantworten. Welche Antwort hätte ich ihr auch geben sollen, an diesem Ort, der keine Zeit kennt? Ich lief die Promenade entlang, vorbei an den Strandcafés, wo sich zahlreiche Kurgäste eingefunden hatten. Es war André gewesen, der damit angefangen hatte, uns als Kurgäste zu bezeichnen - und er lag damit gar nicht mal so falsch. André scheint die Dinge oft klarer zu sehen als die anderen. Deshalb machte ich mich auf die Suche nach ihm und natürlich fand ich ihn bei Alfredo - dort, wo er am liebsten war.
“Sie wird nicht lange bleiben”, sagte er, und ich wusste, dass er recht hatte. Obwohl ihre Nähe mich aufgewühlt hatte, fühlte ich so etwas wie Bedauern über diese Gewissheit. Ich trank ein Glas Wein mit André und ging dann zurück in mein Zimmer.
Als ich nachts in meinem Bett lag, dachte ich an die Frau mit dem Hund. Doch schnell wanderten meine Gedanken zu Agnes. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Es war lange her - lange schon, bevor ich hierher gekommen war. Dann fiel ich in einen Schlaf voller konturloser Träume. Wovon sollten wir hier noch träumen - außer von dem Licht, das am Ende der Dunkelheit leuchtet? Und doch, ich erinnere mich genau. In dieser Nacht träumte ich auch von Agnes.
Von diesem Tag an sah ich Clara regelmäßig. Immer wenn ich nachmittags zur Seebrücke kam, war sie schon dort, und die ersten Male ging ich vorüber, verbrachte die Abende lieber bei Alfredo oder in dem kleinen französischen Bistro. Erst nach einigen Tagen, als ich das Geräusch meiner Schritte auf den hölzernen Bohlen und das Plätschern der Wellen darunter vermisste, gesellte ich mich zu ihr.
Ihr Hund knurrte nicht mehr, als er mich sah, und ich lehnte mich an das Geländer, einen oder zwei Schritte von Clara entfernt. Den Blick hielt ich nach Süden gerichtet, an der geschwungenen Küstenlinie entlang. Die Strandpromenade mit ihren Restaurants und Cafés setzte sich scheinbar endlos fort, bis sie sich bei den Klippen im allgegenwärtigen Dunst verlor. Für einen Moment war zwischen den Nebelschwaden ein schwaches Funkeln zu erkennen und ich lenkte meinen Blick in die andere Richtung, nach Westen hin.
Doch Clara fasste meinen Arm, dreht mich sanft zu sich herum. Ein Schauder lief durch meinen Körper - ihre Hand war kalt, aber die Berührung war wie ein Feuer.
“Dieses Licht”, sagte sie. “Was ist es?”
“Der Leuchtturm, drüben am Hafen.” Ich löste meinen Arm aus ihrem Griff und ging ein paar Schritte zur anderen Seite des Pavillons. Auch im Norden verschwand die Küste bald im Dunst, der ewig von der See heranwehte. Ein Windstoß zerriss die Schleier für eine Weile und die Skyline der fernen Stadt war zu sehen. Doch die Häuser, die sich einstmals turmhoch in den Himmel gehoben hatten, erschienen nun wie die Ruinen einer Burg, zerklüftet und mit unregelmäßigen Bruchkanten.
Wie lange es wohl her war, dass in dieser Stadt hunderttausende von Menschen gelebt hatten? Aber nein, es war müßig, darüber nachzudenken: Zeit spielt keine Rolle mehr, hier an diesem Ort.
Ich zuckte zusammen, als ich Claras Hand auf meiner Schulter spürte.
“Ein Hafen?”, fragte sie. “Sind Sie schon einmal dort gewesen?”
“Nein”, sagte ich. Keiner von uns war jemals am Hafen gewesen, denn die, die dorthin gingen, kehrten nicht zurück.
Ich floh erneut vor ihr, vor den Berührungen, mit denen sie mich quälte. Doch an den nächsten Tagen traf ich sie wieder und begann, mich an ihre Nähe zu gewöhnen, so wie ihr Hund sich an mich gewöhnte.
Dann kam ein Tag, an dem Clara nicht auf der Seebrücke erschien, und ich blickte alleine in die Dunstschleier hinaus. Manchmal sieht man abends einen goldenen Lichtstreifen am Horizont, wo die Sonne im Meer versinkt, um irgendwo auf andere Ufer zu scheinen. Doch an diesem Abend verband sich der Dunst ohne erkennbaren Übergang mit dem wolkenverhangenen Himmel. Ich weiß nicht, warum ich immer wieder an diesen Ort komme. Vielleicht ist es die Aussicht auf das Licht am Horizont - das Licht am Ende der Dunkelheit, das mich auch in meinen Träumen verfolgt.
Und dann, an diesem Tag ohne Clara, sah ich das Schiff. Erst war es nur ein blasser Schemen hinter den grauen Schleiern, doch dann schob sich die klare, weiße Form aus dem Dunst heraus. Ein weißes Schiff mit weißen Segeln - schon oft hatte ich es gesehen, und jedes Mal ergriff mich ein Zittern, das meinen ganzen Körper erfasste. Die Gewissheit, dass ich eines Tages an Bord gehen würde, gemischt mit dem vagen Gefühl, dass es noch nicht soweit war.
Ich löste mich von dem Anblick, lief eilig die Promenade entlang, bis ich André an seinem Stammplatz fand.
“Hast du Clara gesehen?”, fragte ich ihn.
Er nickte, schenkte mir ein Glas Wein ein.
“Sie ist gegangen”, sagte er.
Ich fragte ihn nicht, wohin, denn ich wusste es selbst. Es gab nur den einen Weg. Ich griff nach dem Glas, hob es grüßend André entgegen und nahm einen großen Schluck. Der Wein bringt uns keinen Rausch mehr, so wie es früher war, aber er hilft, die Dinge klarer zu sehen.
André redete nicht viel an diesem Abend und bald stand ich wieder auf und verabschiedete mich von ihm.
Ein schmaler Fußweg führt an Alfredos Pizzeria vorbei, weg von der Strandpromenade, ein paar steinerne Stufen hinauf zu der Straße. Der Asphalt dort ist rissig und Büschel von trockenem Gras schauen zwischen dem leblosen Material hervor. Ich blickte nach links, nach Norden, wo eine dunkle Wolke über den Ruinen der fernen Stadt hing. Die Straße ist in dieser Richtung in einem noch schlimmerem Zustand, übersät mit Schlaglöchern und bewachsen mit dornigen Büschen. Es ist ein Weg in die Vergangenheit, in eine Zeit, die es nicht mehr gibt.
Zögernd wandte ich mich nach Süden, ging die verlassene Straße entlang. Der Weg stieg gemächlich an, zu dem felsigen Uferstreifen hin, den wir hochtrabend als Klippen bezeichnen.
Die Strandpromenade lag nun unter mir, und nicht mehr weit entfernt strahlte das Licht des Leuchtturms wie ein gefallener Stern. Schemenhaft erkannte ich die Gebäude des Hafens und einen hellen Fleck am Anlegesteg: das Schiff.
Noch nie war ich dem Hafen so nahe gewesen. Ich verlangsamte meine Schritte, blieb stehen. Irgendwo dort unten, gar nicht weit entfernt, war Clara. Wenn ich nun zu ihr ginge, könnte ich dann mit ihr in den Westen fahren? Zu einem neuen Leben an ihrer Seite?
Aber nein - wieder dachte ich an Agnes. Ist sie nicht die Frau, zu der ich gehöre? Vielleicht würde ich sie wiedersehen, dort im Westen. Oder sollte ich hier auf sie warten? Ich wusste es nicht, weiß es auch jetzt noch nicht. Mein Blick hing immer noch an dem Licht des Leuchtturms, doch dann wandte ich mich ab, ging ein paar zögernde Schritte zurück nach Norden.
Zu viele Fragen gibt es noch, auf die ich keine Antwort kenne. Und diese Rätsel muss ich lösen, bevor ich den letzten Weg gehen kann.
Zumindest einer Sache bin ich mir sicher - André wartet auf mich, und bei einem Glas Wein wird er mir helfen, die Antworten zu finden. Und wir haben alle Zeit der Welt.
(C) 2010 Bernhard Weißbecker
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