Kurzgeschichten > Lesestoff
© 2008 Bernhard Weißbecker
»Ja, ich habe die Erde gesehen«, sagte Ian und er genoss das ungläubige Staunen in den Augen seiner Zuhörer. Er saß an der Theke der kleinen Kneipe, vor sich ein Glas mit goldenem Whisky. Nachdenklich strich der alte Mann über sein unrasiertes Kinn. Seine Barthaare waren genauso grau wie das spärliche Haar auf seinem Kopf. Er genoss die bewundernden Blicke der Menschen, mit denen sie seine zerschlissene Raumfahrerkombination betrachteten, und er wusste, dass sie ihm für den Rest des Abends zuhören würden, egal, was er ihnen auch erzählte. Er hatte die Giordano-Basis auf dem Mond besucht, er war lange Zeit auf der Atlantis-Raumstation stationiert gewesen, und er hatte sogar die Siriuskolonie gesehen. Die Abzeichen auf seiner zerschlissenen Uniform zeugten von seinen weiten Reisen, doch was hier wirklich zählte, war nur eines - er hatte die Erde gesehen. Ian nahm einen tiefen Schluck und stellte das leere Glas auf die glatte Kunststoffoberfläche der Theke zurück. Ohne eine Aufforderung abzuwarten, trat der Wirt nach vorne, um das Glas des alten Raumfahrers erneut zu füllen. Der Wirt war nicht mehr jung, seine Halbglatze schimmerte im Licht der Deckenbeleuchtung, und eine weiße Schürze war um seinen umfangreichen Körper geschlungen. Ian bemerkte, dass die junge Kellnerin ihn erwartungsvoll musterte, begierig, die Fortsetzung seiner Erzählung zu hören. Ian blickte kurz zu den beiden Männern, die links und rechts von ihm saßen. Beide waren noch jung, der eine mit einem kurzen Bart und blonden Haaren, die über seine Schultern fielen. Er trug abgetragene Kleidung, und seine Ärmel waren hochgewickelt, so dass seine muskulösen, sonnengebräunten Arme zu sehen waren. Der andere trug eine blaue Kombination - die Uniform eines Shuttle-Piloten oder eines Transportfliegers. Beide sahen gut aus, jeder auf seine eigene Weise. Der eine sauber und adrett gekleidet, der andere hatte etwas Wildes und Jungenhaftes an sich, das die Frauen anlocken musste. Trotzdem waren die Blicke der jungen Kellnerin auf Ian gerichtet und er genoss diese Aufmerksamkeit, mit der sie ihn den jüngeren Männern vorzog.
»Ja, ich habe die Erde gesehen«, sagte er noch einmal. »Und ich bin der Letzte, der entkommen ist. Alle, die zurückgeblieben sind, sind jetzt tot. Die Seuche war nicht mehr zu stoppen. Nein, alle anderen sind jetzt tot.«
»Erzähle uns von der Seuche.« Die junge Frau stützte sich mit ihren Ellbogen auf die Theke. »Ich habe in der Schule davon gehört, doch niemand scheint zu wissen, wie es damals zu der Seuche gekommen ist.«
»Nein, keiner weiß es«, sagte Ian. »Es ging alles viel zu schnell, um die Ursache der Katastrophe zu ergründen. Am Anfang war es nur eine Nachricht über einen einzigen Mann, der mit unerklärlichen Symptomen in einem italienischen Krankenhaus lag. Ich habe den Namen der Stadt vergessen. Der Mann war von einer Reise aus Afrika zurückgekehrt, und man nahm an, dass es eine neue Variante des Lassa-Fiebers sei. Doch schon am nächsten Tag gab es Berichte aus Amerika und aus anderen Ländern in Europa über ähnliche Fälle. Eine Woche lang wurde spekuliert über die Ursache der Seuche. Eine obskure Gesellschaft, die sich die Engel der Apokalypse nannte, hat die Verantwortung für die Seuche übernommen, aber niemand glaubte ihnen, und es hat auch niemand wieder von ihnen gehört. Und es gab das Gerücht, dass es ein Virus war, der aus einem amerikanischen Forschungslabor entkommen ist. Vielleicht war es auch ein Virus, der von der Taurus-Expedition mitgebracht wurde. Nein, keiner weiß, was wirklich geschehen ist.«
»Aber wie kam es, dass die Wissenschaftler der Erde die Seuche nicht stoppen konnten?«, fragte der Wirt.
»Es ging so schnell, so furchtbar schnell.« Ian schüttelte traurig seinen Kopf. »Nach einer Woche gab es wahrscheinlich schon ein paar Millionen Infizierte in Amerika und Europa, und die Seuche breitete sich schnell weiter aus. Die Wissenschaftler, die sich mit der Seuche befassten, waren unter den ersten Opfern, denn es gab keinen wirksamen Schutz. In vielen Ländern flüchteten sich Menschen in die Schutzräume, die lange Zeit zuvor errichtet worden waren, um sich vor den Folgen eines Krieges zu schützen. Doch der Kontakt zu einigen Schutzräumen brach schon nach Tagen ab.«
»Aber wie konntest du überleben?«, fragte die junge Frau.
»Ich war mit meinem Schiff auf der Atlantis-Raumstation, als sich die Seuche ausbreitete. Wir folgten den Nachrichten mit großer Sorge, vor allem, als die ersten Schiffe von der Erde an der Station andocken wollten. Die Station bot nicht genügend Raum für viele Menschen, doch es gab Treibstoff. Genug um viele Schiffe aufzutanken für den langen Weg zu den Sternen. Doch alle Regierungen erließen Befehle, dass keine Schiffe unkontrolliert die Erde verlassen sollten - nicht ohne eine lange Quarantäne. Denn es war zu befürchten, dass sie die Seuche auch zu den Kolonien hinaustragen würden. Wir haben den Treibstoff verteidigt, so lange wir konnten, doch es hatte keinen Sinn. Schließlich erhielten wir den Befehl, den Treibstoff zu vernichten. Also sprengten wir die Tanks ab und flohen hierher, eine Hand voll Männer und Frauen. Und jetzt sind wir die Einzigen, die noch leben. Aber wir haben den Fortbestand der Menschheit gerettet, ist es nicht so?«
»Ja, es ist so.« Der Wirt schenkte dem alten Mann noch einen Whisky ein.
Ian leerte das Glas in einem einzigen Zug, dann erhob er sich und schlurfte schwerfällig zum Ausgang der Kneipe.
»Bis morgen«, sagte der Wirt noch, als der alte Mann schon fast durch die Tür verschwunden war.
*
Ian erwachte aus seinem unruhigen Schlaf, als er das Dröhnen eines Triebwerkes hörte. Für einen Moment hielt er das Geräusch für einen Teil seines Traumes - des Traumes, den er jede Nacht träumte. Jede Nacht in den letzten sechsunddreißig Jahren. Feuer und Explosionen erfüllten diesen Traum. Immer wieder sah Ian die riesigen Treibstofftanks von der Station wegdriften und dann explodieren. Es waren lautlose Explosionen gewesen, unhörbar in der luftleeren Weite des Weltalls, und doch waren sie in Ians Träumen mit lautem Donner verbunden. Und dann war eine Erschütterung durch die Struktur der Station gegangen und ein echtes Dröhnen war zu hören gewesen. Irgendetwas hatte die Station getroffen - Trümmer der Explosion vielleicht oder eines der herandrängenden Schiffe. Feuer war ausgebrochen, und auf der Station herrschte Chaos. Verzweifelte Schreie ertönten über Funk, als er das Schiff von der Station weglenkte, hinaus in die Schwärze des Weltalls. Er hörte, wie die Menschen der Station starben, doch er flog weiter, immer weiter, weg von der Station, weg von der Erde. Doch dann wieder Explosionen und Feuer, als das Schiff bei der Notlandung auf dem unwirtlichen Planeten zerschellte, weitab von den Kolonien der Erde. Und wieder ertönten Schreie, Schreie von den sterbenden Menschen in den Trümmern des Schiffes. Siebzehn Menschen, alle tot oder sterbend, und nur ein Überlebender. Ian erwachte endgültig und erhob sich von seinem schmutzigen Bett. Sein zerschlissenes Nachthemd war getränkt mit Schweiß.
Er eilte ans Fenster und er sah einen Feuerschein, der sich auf den Hügeln im Westen widerspiegelte. Eilig schlüpfte er in seine abgetragene Uniform und seine zerschlissenen Stiefel und aus dem Regal an der Wand nahm er einen Gürtel, an dem eine Strahlenpistole hing.
*
Die kleine Landefähre war dicht bei dem Wrack des Raumschiffes gelandet. Aus ihrem Dach ragte ein kleiner Geschützturm hervor, die einzige Bewaffnung des Shuttles. Eine kleine Laserkanone war in dem Turm montiert, und neben ihr ein starker Scheinwerfer. Ein leises Surren drang durch die Nacht, als der Scheinwerfer mit seinem leuchtenden Finger durch die Dunkelheit tastete und Wolken von Dampf und Staub aufleuchten ließ, die bei der Landung des Schiffes aufgewirbelt worden waren. Endlich richtete sich der Strahl auf das Raumschiff. Eine viereckige Öffnung war durch die dicke Außenwand des Schiffes geschnitten worden, dort, wo der gewölbte Rumpf sich in den harten Boden eingegraben hatte. Ein schwacher Lichtschein war durch die Öffnung zu sehen. Mit leisem Surren öffnete sich eine Tür an der Seite des Shuttles und eine kleine Rampe fuhr heraus. Gegen das hell erleuchtete Innere des Schiffes wurden die Silhouetten mehrerer Gestalten sichtbar. Zwei Männer traten hervor, bekleidet mit Kampfwesten und leichten Helmen, Lasergewehre in ihren Händen. An den Waffen waren Lampen befestigt, deren gebündelte Strahlen durch die dunstige Luft strichen, als die Soldaten die Umgebung ihres Landeplatzes sicherten. Ein dritter Mann trat aus dem Shuttle hervor. Er hatte asiatische Gesichtszüge und war bekleidet mit einem grünen Overall. Der Offizier blickte kurz auf die Anzeige eines Instrumentes, doch dann ging er ohne zu zögern auf das Raumschiffswrack zu. Die beiden Soldaten folgten ihm, immer noch aufmerksam und alarmiert. Sie blieben kurz stehen, als das Licht ihrer Lampen eine glänzende Metalltafel beleuchtete, die an einem stählernen Pfosten befestigt war. Der Offizier wischte den Staub von der Tafel, um die Schrift besser lesen zu können, die in die glatte Oberfläche eingraviert war.
»Es sind Namen«, murmelte er und seine Hand zog einen kleinen Computer aus seinem Gürtel hervor. Ein Display erwachte in grünlichem Schein zum Leben. »Identifikation«, sagte der Offizier in das Mikrofon des Gerätes. »Williams, Arthur B. ... Andrejew, Sergej ... Reither, Anja.« Er blickte für eine Weile auf die Anzeige des Instrumentes und wandte sich wieder an seine Begleiter. »Raumstation Atlantis, vor fast vierzig Jahren. Diese Menschen verschwanden im Jahr der Seuche. Ein Teil der Besatzung desertierte und verließ die Station mit der Juno. Der Rest der Besatzung starb, als die Station explodierte. Sie hätten vielleicht gerettet werden können, wenn die Juno nicht geflohen wäre. Es ist nie aufgeklärt worden, wohin die Juno sich gewandt hat. Zumindest ist sie in keiner der Kolonien angekommen.«
»Nun wissen wir, was aus ihr geworden ist.« Einer der Soldaten richtete den Strahl seiner Lampe auf den zerstörten Bug des Schiffes. Nur ein großes O war noch zu sehen, der Rest des Namens war in einem Durcheinander von zerrissener Panzerung und zerbrochenen Metallstreben verloren.
»Zweiunddreißig Namen stehen auf der Liste der Vermissten von der Atlantis. Es ist nie geklärt worden, wie viele mit der Juno geflohen sind. Nur siebzehn Namen stehen auf dieser Tafel. Vielleicht finden wir noch Überlebende - oder ihre Nachkommen. Lasst uns gehen.«
Entschlossen ging der Offizier durch den erleuchteten Eingang des Schiffes. Die beiden Soldaten folgten, ihre Waffen im Anschlag. Der Gang war nur von einer einzigen kleinen Lampe erhellt und er führte geradlinig weiter, zwischen metallenen Platten hindurch, mit denen Boden, Decke und Seitenwände verkleidet waren. Der Gang war nicht lang, und bald endete er vor einer Tür. Der Offizier nickte seinen Begleitern zu, bevor er die Tür öffnete. Die drei Männer blieben staunend stehen, als sie durch den schmalen Durchgang hindurch die Theke einer Gaststätte erblickten. Ein beleibter Mann stand hinter der Theke und neben ihm stand eine junge Frau, blond und hübsch. Zwei Gäste saßen auf Stühlen an der Theke, doch zwischen ihnen war noch ein freier Platz. Die vier Menschen blickten den Besuchern entgegen, und ihr Blick verriet weder Angst noch Überraschung.
»Willkommen Fremder«, sagte der Wirt. »Komm nur herein.«
Der Offizier trat zögernd nach vorne, zwischen ein paar Tischen hindurch, an denen keine Gäste saßen. Eine dicke Staubschicht lag auf diesen Tischen, als habe seit einer Ewigkeit kein Mensch dort gesessen. Auch auf dem Boden lag Staub, doch es führten zahlreiche Fußspuren durch den Schmutz hindurch. Nur einem einzigen Pfad waren diese Fußspuren gefolgt - von der Tür zu dem einzigen freien Stuhl an der Theke und wieder zurück.
»Yukawa ist mein Name«, erwiderte der Offizier. »Sicherheitsoffizier der Antares. Vereinigte Sternenflotte.«
»Willkommen.« Der Wirt stellte ein leeres Glas auf die Theke und fasste nach einer Whiskyflasche. Ohne eine Bestellung abzuwarten füllte er das Glas.
»Nein danke«, erwiderte der Offizier, doch er trat an die Theke heran, zwischen die beiden anderen Gäste.
»Du trägst Abzeichen von der Erde«, sagte der Mann mit dem Pilotenoverall, und sein Blick war auf die Uniform des Offiziers gerichtet. »Warst du auf der Erde stationiert?«
»Ja«, erwiderte Yukawa, »ich bin auf der Erde stationiert.«
»Hast du die Erde gesehen?« fragte der junge Mann mit den langen blonden Haaren. »Bevor die Seuche kam?«
»Ja, ich habe die Erde gesehen.« Der Offizier betrachtete den jungen Mann mit gerunzelter Stirn. »Doch die Seuche kam vor langer Zeit. Ich habe sie nicht mehr erlebt.«
»Erzähle uns von der Seuche«, sagte die junge Frau. »Ich habe in der Schule davon gehört, doch niemand scheint zu wissen, wie es damals zu der Seuche gekommen ist.«
»Doch, wir wissen, was geschehen ist.« Der Offizier warf einen kurzen Blick zu seinen Begleitern, die sich inzwischen einen Überblick über die kleine Kneipe verschafft hatten. Sie hatte keine weiteren Ausgänge gefunden und sich neben der Theke postiert. Der Wirt ignorierte die beiden Soldaten, während er geschäftig ein Whiskyglas polierte.
»Es hat sich herausgestellt, dass die Seuche durch ein illegales Forschungsprojekt mit dem Taurus-Virus ausgelöst wurde«, fuhr Yukawa fort. »Ein Genetiker des Labors trug das Virus in sich, als er zu einer Konferenz nach Afrika reiste. Von dort aus verbreitete sich das Virus durch die ganze Welt.« Der Offizier fasste nach dem gefüllten Glas und roch vorsichtig daran. Schon am Geruch erkannte er, dass es Synthetik-Whisky war. Er stellte das Glas zurück.
»Aber wie kam es, dass die Wissenschaftler der Erde die Seuche nicht stoppen konnten?« fragte der Wirt.
»Die Wissenschaftler haben die Seuche besiegt.« Yukawa wandte seinen Blick von dem Wirt ab, als einer seiner Begleiter an ihn heran trat und ihm wortlos ein kleines Anzeigeinstrument reichte. Mit gerunzelter Stirn blickte er auf die Anzeige des Gerätes, während er es auf den Wirt richtete.
»Androiden?« murmelte er ungläubig.
»Ja«, bestätigte der Soldat. »Alle vier. Veraltete Modelle. Aber wer hat sie programmiert?«
Für eine Weile war die Aufmerksamkeit der Männer auf ihre Instrumente gerichtet, und sie bemerkten nicht den alten Mann, der im Eingang der Kneipe erschienen war und dort mit ungläubigem Staunen stand. In seiner Hand hielt er eine Strahlenpistole.
»Ich habe sie programmiert«, sagte Ian.
Ruckartig wandten die Blicke der Soldaten sich dem Eingang der Kneipe zu, und sie hoben ihre Gewehre, als sie die Waffe in der Hand des Alten sahen. Der Offizier trat zwischen seine Begleiter, und er legte eine Hand auf den Arm des einen Soldaten, um dessen Waffe nach unten zu drücken.
»Mein Name ist Yukawa«, sagte der Offizier. »Wer sind Sie?«
»Ian Haggart«, sagte der Alte. »Navigator auf der Juno, stationiert auf der Atlantis-Station.«
Der Offizier blickte auf das Display seines Computers und nickte befriedigt, als er den Namen des Mannes fand. »Gibt es noch mehr Überlebende?« fragte er.
»Nein«, sagte Ian. »Nur ich. Und die da.«
»Aber wie konntest du überleben?« fragte die Frau, und die Blicke der Männer wandten sich ihr überrascht zu. Keiner sagte etwas.
»Ja, wie konnten Sie überleben?« fragte Ian.
»Die Menschen haben zusammengehalten«, sagte der Offizier. »Ein Afrikanischer Arzt fand Antikörper in einem abgeschieden lebenden Stamm seines Volkes. Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Russland und Amerika entwickelte ein Serum. Alle, die rechtzeitig geimpft werden konnten, überlebten die Seuche.«
»Alle überlebten?«, fragte Ian ungläubig.
»Alle, die geimpft wurden. Und alle, die isoliert genug lebten, um der Seuche zu entgehen. Doch für viele war es zu spät. Fünfzig Millionen starben in Amerika, noch mehr in Europa, schon bevor die Seuche nach Asien vordrang. Dort war die Gefahr am höchsten, doch die strikten Maßnahmen der Regierungen konnten die Ausbreitung verzögern, bis endlich das Serum bereitstand. Trotzdem wurden ganze Landstriche entvölkert, denn viele flohen vor der Seuche, obwohl sie schon infiziert waren, und sie trugen dadurch die Gefahr in vermeintlich sichere Regionen. Insgesamt gab es fast eine Milliarde Opfer.«
»Ja, auch ich bin geflohen.« Ian schüttelte traurig seinen Kopf. »Und auch durch meine Flucht sind Menschen gestorben. Ich bin ein Deserteur. Sind Sie gekommen, um mich zu verhaften?«
»Nein, die Antares ist ein Forschungsschiff, wir haben Sie nur durch Zufall gefunden. Ein Komet rast auf dieses Sternsystem zu. In einem halben Jahr wird er hier sein. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieser Planet getroffen wird. Sie haben Glück, dass wir Sie gefunden haben. Und ihre Tat ist ohnehin verjährt.«
»Glück?« fragte Ian. »Mein Glück starb vor vierzig Jahren in der Seuche. Und nichts ist verjährt, solange meine Erinnerung lebt. Wenn Sie mir helfen wollen, dann lassen Sie mir ein paar Flaschen echten Whisky hier, um die nächsten Monate besser zu überstehen.«
»Das werden wir.« Yukawa deutete eine Verbeugung an. »Aber wir werden wiederkommen, bevor es soweit ist. Und dann sollten Sie mit uns kommen.«
*
Alles auf dem Planeten schien unverändert, als die Landefähre der Antares ein halbes Jahr später zurückkehrte. Yukawa ging zielstrebig auf das Wrack der Juno zu, doch dieses Mal ließ er seine Begleiter am Shuttle zurück. Halb erwartete er, den alten Mann an der Theke vorzufinden, doch nur die vier Androiden blickten ihm entgegen.
»Guten Tag, Yukawa.« Der Wirt füllte ein Glas mit Whisky. »Wollen Sie sich nicht setzen?«
»Danke«, erwiderte der Offizier. »Aber ich suche Ian. Wo ist er?«
»Sie werden ihn nicht finden«, sagte der Wirt. »Bitte, setzen Sie sich.«
Mit gerunzelter Stirn folgte Yukawa der Einladung und er fasste nach dem Glas, das vor ihm stand.
»Wir sollen Ihnen ausrichten, dass Ian nicht mit Ihnen kommen wird«, sagte der junge Pilot.
»Er sagt, dass er nicht noch einmal davonlaufen will«, sagte der andere Gast.
»Aber er bittet Sie, dass Sie uns mitnehmen«, schloss die junge Frau. Keiner sprach mehr und die vier Androiden blickten den Offizier mit ausdruckslosen Augen an.
»Natürlich.« Yukawa schüttelte langsam seinen Kopf. »Ich werde Sie mitnehmen.« Er leerte das Glas, das vor ihm stand, in einem Zug. Dann stand er auf und ging zurück zu seinem Shuttle. Die vier Androiden folgten ihm, langsam und ohne etwas zu sprechen.
*
Ian saß auf einem kahlen Fels, nicht weit entfernt von der Stelle, wo das Shuttle sich in einer Wolke von Staub und heißen Gasen in den Himmel hob. Bald war nur noch ein Kondensstreifen am abendlichen Himmel zu sehen, doch ein letzter Lichtreflex auf der Außenhülle zeigte dem alten Mann noch einmal die Position des Shuttles. In einem letzten Gruß hob Ian sein Glas und die tief stehende Sonne brachte den Whisky zum Glühen. Ein Lächeln lag auf den Lippen des alten Mannes, als er in den Himmel blickte. Der Komet war nun schon deutlich zu erkennen, obwohl die Sonne noch am Himmel stand. Von nun an würde er sich seinen Whisky selbst einschenken müssen. Doch er würde nicht noch einmal fliehen, und seine Träume würden enden - dessen war er sich sicher.
ENDE
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