Bernhard Weißbecker


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Fido

Kurzgeschichten > Lesestoff

© 2008 Bernhard Weißbecker

Wie an jedem Morgen saß Wendy vor dem großformatigen Wandbildschirm ihrer Computerkonsole und folgte den Lektionen des interaktiven Lehrprogramms. Der Mathematiklehrer war ein freundlicher Mann in einem altmodischen karierten Anzug. Im Moment hatte sein Gesicht jedoch einen strengen Ausdruck angenommen, denn Wendy hatte auf die Frage „Was ergibt dreizehn mal zwölf“ mit „hundertsechsundvierzig“ geantwortet. Verstohlen blickte sie auf ihre Uhr - noch zehn Minuten bis zur Mittagspause. Doch schnell wandte sie sich wieder dem Bildschirm zu, auch wenn ihre Gedanken weit entfernt von Zahlen und Gleichungen waren.
Ihre Großmutter hatte ihr oft von der Zeit erzählt, als sie noch selbst auf die Schule gegangen war. Eine altmodische Schule war das gewesen, wo sich hunderte von Kindern getroffen hatten. Dort hatte es Banden von brutalen Jugendlichen gegeben, die ihre Mitschüler unterdrückt hatten. Zum Glück gab es das nun nicht mehr, denn die Schule fand zu Hause statt. Unkonzentriert verfolgte Wendy die letzten Lektionen der Lehreinheit, bis endlich der Pausengong ertönte. Der computeranimierte Mathematiklehrer öffnete das vor ihm liegende Buch, machte einen Salto in der Luft und tauchte dann in die aufgeschlagene Seite hinein. Hinter ihm schloss sich das Buch - die Stunde war zu Ende.
Sofort kam Fido herangestürmt, der zuvor still in seinem Körbchen gelegen hatte. Wendy bückte sich hinunter, um den kleinen, schwarz-weiß gefleckten Hund zu streicheln. Fido war der beste Freund den sie hatte und jede freie Minute verbrachte sie mit ihm. Schnell band Wendy ihre gewellten blonden Haare hinter ihrem Kopf zusammen und zog ihre Sportschuhe an. Die Mittagspause dauerte zwei Stunden – lange genug für einen kurzen Besuch im Park.
Wendy verabschiedete sich schnell von ihrer Mutter, die im Wohnzimmer saß und in einem altmodischen Buch blätterte, das noch auf richtigem Papier gedruckt war. Dann stieg sie zusammen mit Fido in den Turbo-Lift, der die dreiundsechzig Stockwerke in einer halben Minute überwand. Schon während der Fahrt wedelte Fido in freudiger Erwartung mit seinem Schwanz. Als die Tür sich öffnete, sprang der kleine Hund voraus und Wendy rief ihn mit strenger Stimme zurück. Bis sie im Park waren, musste Fido immer „bei Fuß“ bleiben. Gemeinsam eilten sie durch das marmorgetäfelte Foyer auf die gläserne Schiebetür zu, die sich geräuschlos öffnete. Sie traten auf die breite Galerie hinaus, die immer noch zehn Meter über dem Erdboden lag und über Brücken mit den benachbarten Gebäuden verbunden war. Zwischen den spiegelnden Glasfassaden der hoch aufragenden Gebäude war nur ein schmaler Streifen des Himmels zu sehen – blass violett, durchzogen von gelben Schlieren. Über das Geländer der Galerie hinweg sah Wendy tief unter sich kleine Elektrofahrzeuge, die geschäftig über die Fahrspuren eilten. Ihre Großmutter hatte Wendy oft von der Zeit erzählt, als es noch Autos mit Benzinmotoren gegeben hatte. Autos, die laut waren und furchtbar stanken. Aber nun war vieles besser als vor fünfzig Jahren.
Wendy joggte auf dem schmalen Gehweg an den Schaufenstern der Ladenzeile entlang. Manchmal fragte sie sich, wofür die Schaufenster überhaupt gut waren. Zu Hause am Terminal war das Einkaufen doch so viel einfacher. Fido hastete hechelnd neben ihr her und seine Pfoten erzeugten einen trommelnden Rhythmus auf den harten Bodenplatten. Ab und zu stoppte er kurz, um an den Blumenkübeln zu schnüffeln, wo vielleicht andere Hunde ihren Duft hinterlassen hatten. Sie bogen um die Ecke des Häuserblocks und überquerten über die geschwungene Stahlbrücke hinweg die breite Hauptstraße, die dem Zentrum der Stadt entgegenstrebte. Dort, fast zwei Kilometer entfernt, sah sie den Turm - eine schlanke Konstruktion aus Beton und Stahl, die sich wie ein ausgestreckter Finger in den Himmel erhob. An ihrer Spitze, vierhundert Meter über dem Boden, war eine riesige Kugel montiert, deren metallischer Glanz selbst aus der Entfernung zu erkennen war. Blitze umwaberten diese Kugel und um sie herum liefen die gelben Schlieren zusammen, die den Himmel durchzogen. Großmutter hatte immer wieder von einer Zeit erzählt, in der der Himmel blau gewesen war. Eine Zeit, in der es Wolken und Regen gegeben hatte. Aber seit es den Schirm gab, war alles besser als früher. Es gab keinen Regen und kein schlechtes Wetter mehr. Auch die Temperaturen schwankten nicht mehr so wie früher. Großmutter hatte von kalten Wintern und von Schnee erzählt. Schnee war etwas Wunderbares – aber man konnte ihn auch in der großen Rodelhalle im Stadtzentrum haben. Auf der Straße brauchte man ihn wirklich nicht. Früher hatte es im Winter viele Unfälle gegeben, aber das war heute alles besser.
Bald hatten sie den Park erreicht. Es war nur eine kleine Grünfläche, aber Wendy fand das in Ordnung, denn so konnte sie ihre Freundinnen nicht verfehlen. Betty und Peggy waren bereits da mit ihren Hunden Buster und Rover. Während die Mädchen miteinander redeten, tobten die drei Hunde über die Wiese und wälzten sich in dem saftigen Gras herum. Alle Freundinnen von Wendy hatten Hunde, oder wenigstens irgendein anderes Tier. Nach einer Weile schaute Wendy auf ihre Uhr – es war Zeit, sich auf den Rückweg zu machen. Bald würde ihre Mutter das Mittagsmahl vorbereiten und nach dem Essen würde der Unterricht weitergehen. Wendy verabschiedete sich von Peggy und Betty und machte sich in lockerem Tempo auf den Weg nach Hause. Als sie die Brücke über die Hauptstraße überquerte, sah sie wieder zu dem fernen Turm hinüber. Die Blitze um die Spitze herum waren stärker geworden und das Violett des Himmels hatte sich vertieft. Ihr Vater hatte ihr erklärt, dass dies immer dann geschah, wenn es außerhalb des Schirmes regnete. Doch die Tropfen wurden von dem Kraftfeld abgelenkt und konnten nicht in die Stadt hinunter regnen. Aber das war nicht der Zweck des Schirmes – Wendy wusste, dass man ihn errichtet hatte, um den Fallout und die Strahlung von der Stadt fernzuhalten. Wendy hatte nicht so genau verstanden, warum die Menschen vor vielen Jahrzehnten ihre Welt mit Giften und radioaktiven Abfällen verseucht hatten. Vielleicht würde sie es ja in einer ihrer nächsten Geschichtsstunden lernen.
Als sie nach Hause kam, konnte sie in der Wohnung schon den Duft des Mittagessens riechen. Fido trottete zu seinem Korb und legte sich hinein. In einer Stunde würde er wieder voll aufgeladen sein. Die Ladestation war geschickt in dem Boden des Korbes verborgen. Großmutter hatte Wendy viele Geschichten erzählt aus der Zeit, als es noch richtige Hunde gab. Es musste etwas Tolles sein, mit einem echten Hund zu spielen, seine feuchte Zunge auf der Haut zu spüren. Aber echte Hunde waren in der Stadt verboten. Vielleicht gab es auch schon gar keine mehr, draußen, in einer Welt voller Abfälle und Gifte.
Ein paar Dinge waren früher doch besser gewesen als heute.

ENDE

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