Bernhard Weißbecker


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Die Wächter von Göttingen

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Die Hexe vom Waldsee

LESEPROBE

Conradus schwankte in seinem Sattel, als das Pferd plötzlich stehen blieb. Die Luft schien erfüllt zu sein von flirrenden Pünktchen, die im Licht der tief stehenden Sonne einen wilden Tanz vollführten. Oder spielten seine schwindenden Sinne ihm einen Streich? Schweiß stand auf seiner Stirn, obwohl der Herbst bereits die Hitze des Sommers vertrieben hatte. Der gefiederte Schaft eines Pfeiles schaute aus dem schwarzen Mantel hervor, der seinen Träger als Ritter der Custodes auswies. Der dunkle Stoff war blutgetränkt. Mit einem Druck seiner Schenkel bedeutete Conradus dem Pferd, die Reise fortzusetzen. Die Schmerzen wurden schlimmer, und nur mit Mühe konnte Conradus sich noch auf seinem Reittier halten.
Gelb und rot hatten die Blätter der Bäume sich gefärbt, und schon war das erste Laub gefallen, doch der Rand des nahen Waldes erschien als dicht verwobener Wall aus Ästen und Zweigen.
Von Göttingen kommend, hatte Conradus sich zunächst nach Süden gewandt, auf dem Weg, der nach Geismar führte. Doch dann war er nach Osten zum Lohebergsweg abgebogen, wo dieser den Eberbach kreuzte und bei den Lehmkuhlen in den Wald eintrat.
Nicht aus freiem Willen hatte Conradus die Schritte seines Pferdes hin zu dem Wald gelenkt. Die Bäume versprachen Schutz vor den neugierigen Blicken der Bauern, die auf den Feldern beim Seelenborn arbeiten, und die Aussicht auf ein wenig Sicherheit überwog seinen Wunsch, an dem Bach seinen Durst zu stillen.
Conradus bemerkte kaum, wie sein Pferd ihn in den Schatten des Waldes trug. Ein unbewusstes Gefühl erwachte in ihm, dass es nicht gut war, an diesen Ort vorzudringen. Eine alte Erinnerung versuchte, sich bemerkbar zu machen – eine Erinnerung an Berichte von finsteren Kreaturen, von Hexen und Geistern, die den Wald bevölkerten.
In einem Moment, als seine Sinne etwas klarer wurden, besann Conradus sich, dass der Eberbach, den er zuvor gekreuzt hatte, nicht weit von seinem Weg entlangfloss. Er lenkte sein Pferd in den Wald hinein, bis das leise Gurgeln und Plätschern des Baches an seine Ohren drang. Sein Durst schien ihm unerträglich, doch welchen Sinn mochte es noch haben, etwas zu trinken? Wäre es nicht nur eine Verlängerung seiner Qualen? Er wünschte, er hätte sich seinen Gegnern zu einem letzten, glorreichen Gefecht gestellt. Doch auch ein Kampf hätte ihm keinen Ruhm gebracht, denn seine Gegner wären seine einstigen Ordensbrüder gewesen. Seine Ehre hatte er bereits verloren, als er die Gesetze der Custodes gebrochen hatte ...


Nächste Woche - vor langer Zeit

LESEPROBE

Ich steige in den Bus, wie schon an vielen Samstagen zuvor. Flüchtig nehme ich die Menschen wahr, die links und rechts des Ganges auf ihren Plätzen sitzen. Manche von ihnen habe ich schon oft gesehen – den alten Mann, der seine Hände auf einen Spazierstock stützt, das junge Mädchen mit den kurzen, dunklen Haaren. Ich setze mich auf den Platz hinter dem Fahrer, dorthin, wo ich am liebsten sitze. Die Türen schließen sich, der Bus beschleunigt. Durchs Fenster sehe ich den Sportplatz, das Weender Freibad. Autos und Menschen ziehen an mir vorbei. Doch ich weiß, in ein paar Minuten wird alles anders sein. Minuten – oder sind es Jahrhunderte? Die Begriffe der Normalität, die mich durch eine Woche voller Arbeit begleitet haben, verlieren ihre Bedeutung.
Der Bus hält, und das junge Mädchen steigt aus, andere Menschen treten ein. Noch zwei Häuserblocks, dann wird es geschehen. Draußen stehen Autos vor den Zapfsäulen einer Tankstelle, eine Frau schiebt einen Kinderwagen. Noch ein Häuserblock. Ich sehe zwei junge Leute, die Hand in Hand ein Café betreten, sehe Schlangen von Autos der Innenstadt entgegenstreben. Dann ist es soweit: Der Bus durchdringt die alte Grenze der Stadt, die heute nur noch als Erdwall erhalten ist. Heute? Nein – die Vergangenheit berührt das Jetzt, und aus heute wird gestern. Ich sehe die Stadtmauer aus unregelmäßigen Kalksteinen und den mächtigen Torturm, von dem ein Wächter mir entgegenblickt. Das Licht der Sonne spiegelt sich auf seinem Helm, blendet mich. Ich blinzle mit den Augen, dann ist die Mauer verschwunden – wieder sehe ich Autos durch die Straßen eilen. Der Bus hält, und ich steige aus, zusammen mit vielen anderen Fahrgästen. Nur ein paar Schritte über den Zebrastreifen, und der Strom der Menschen trägt mich mit sich in die Fußgängerzone. Auf beiden Seiten der Weender Straße sind Geschäfte, Schaufenster, Reklameschilder, abgestellte Fahrräder.
Ich blinzle, und die Welt verwandelt sich. Um mich herum sehe ich Menschen in schmucklosen Gewändern aus grobem Stoff. Die bunten Reklameschilder sind verschwunden, stattdessen blicken kleine Fenster aus den Fachwerkfassaden auf die Straße hinaus. Der Duft von warmem Brot dringt in meine Nase, und aus einem Hinterhof schallt der Klang eines Schmiedehammers ...

(C) 2008 Bernhard Weißbecker


Die Wächter von Göttingen
Fantastische Geschichten aus dem mittelalterlichen Südniedersachsen

Stein-Medien GmbH

ISBN 978-3-940660-00-8
240 S., 27 schw.-w. Abb.
1. Aufl. 04.02.2008

Besuchen Sie Göttingen im 15. Jahrhundert!
Treffen Sie Feen, Hexen, Werwölfe und Zeitreisende!

Mit dem Ausgang des Mittelalters endet auch das Zeitalter der Magie. Göttingen wird zum Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen den Dienern der Kirche und dem Übernatürlichen.
In zwölf Geschichten erzählen die Autoren der Göttinger SciFan Writer’s Group ihre Versionen dieser Ereignisse. Ein an die historische Stadt angelehntes Göttingen und sein Umland erleben den Versuch der Congregatio Custodium Mundi, die Magie ein für alle Mal in ihre Schranken zu weisen. Ob es um die Nöte einer Feenkönigin, untote Ordenskrieger oder einen missverstandenen Außerirdischen geht – von der Roten Straße bis zu den Wäldern des Solling spielt sich ein geheimer Kampf ab, dessen Sieger noch längst nicht feststeht.

Historische Erzählungen verbunden mit der Bandbreite des fantastischen Genres – im Göttingen des 15. Jahrhunderts.

Die Autoren der SciFan Writers Group:
Ulrich Drees, Eiko Lajcsak, Markus Ritter, Volkhart Wagner und Bernhard Weißbecker

Das Titelbild schuf Klaus Scherwinski.

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