Kurzgeschichten > Lesestoff
© Bernhard Weißbecker 2008
Nicht in dieser Welt - und doch nicht wirklich außerhalb von ihr. Ein Ort, der den Menschen immer ein Rätsel war, immer bleiben wird. Himmel nennen sie ihn – und immer werden sie glauben, dass er in einer Richtung zu suchen ist, die man oben nennt. Doch der Himmel ist nicht oben. Am ehesten könnte man sagen, dass der Himmel neben unserer Welt ist – aber in einer Richtung, in wir nicht gehen und nicht sehen können – noch nicht einmal denken.
Der Himmel entspricht kaum den Vorstellungen, die die Menschen sich von ihm machen. Eines aber ist wahr – es ist der Ort, an dem Engel leben.
Elahar fand seine Gefährten Shahram und Joachin, als sie im Sternenschein auf einem Hügel standen und in die Welt der Menschen hinüberblickten. Ihre weißen Gewänder schimmerten sanft in dem kalten Licht.
»Riecht auch ihr jenen Gestank, der von den Menschen zu uns dringt?«, fragte Elahar.
»Ja, das tun wir«, antwortete Shahram mit grimmiger Stimme. »Und wir hören das Dröhnen ihrer Maschinen. Maschinen, die stinkenden, schwarzen Rauch ausatmen. Maschinen, die sich in das Antlitz der Erde fressen. Maschinen, die töten.«
»Von diesen drei Plagen wurde getötet der dritte Teil der Menschen«, murmelte Joachin. »Von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihren Mäulern kam.«
»So sprach der Prophet«, bestätigte Elahar. »Doch er sagte nicht, dass der Mensch sich seine Plagen dereinst selbst erschaffen würde.«
»Diese Geschöpfe sind ein Rätsel für mich.« Shahram schüttelte bedächtig seinen Kopf. »Nun haben sie es gar geschafft, die Struktur der Schöpfung selbst zu zerreißen, Atome zu spalten und deren Gewalt in Tod und Vernichtung umzusetzen.«
»Fürwahr, sie sind ein Rätsel«, sagte Elahar. »Lasset uns gehen und erforschen, warum die Menschen danach trachten, sich selbst ein Ende zu bereiten.«
»Ja.« Joachin nickte würdevoll. »Lasset uns gehen. Doch bedenket, dass es uns nicht geziemt, die Menschen zu strafen nach unserem eigenen Ermessen.«
»Nein, dies geziemt uns nicht«, sagte Elahar. »Doch der Höchste selbst hat die Strafen festgelegt, die den Sünden der Menschen gebühren. Sein Wille soll geschehen.«
*
Nacht lag über dem Land, als die drei Engel in die Welt der Menschen hinübertraten. Staunend betrachteten sie die Wandlungen, die in den letzten Jahrzehnten dort geschehen waren. Sie sahen mehr, als ein Mensch an ihrer Stelle gesehen hätte, denn die Augen der Engel sind von anderer Art als die der Erdenbewohner. Sie sahen Städte an Orten, wo einst einsame Wüsten gewesen waren. Sie sahen eine Unzahl von elektrischen Lichtern, mit denen die Menschen versuchten, die Ängste der Nacht aus ihren Herzen zu verbannen.
Schon befanden sich die Engel zwischen den hoch aufragenden Türmen einer Stadt, die sich weit in den Himmel erhoben.
»Wie hatten einst die Menschen gesprochen?«, fragte Joachin. »Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche.«
»Damals hatte Gottes Zorn sie getroffen«, bestätigte Elahar. »Doch nun hat er sie gewähren lassen, schon seit langer Zeit.«
Die Engel senkten sich hinunter, zwischen die Menschen, und sie kleideten sich in Mäntel aus Nacht, so dass sie den Augen der Menschen verborgen blieben. Doch die Engel sahen die Menschen – und was sie sahen, ließ sie erschaudern. Es gab Häuser, in denen Männer ihr Glück mit Karten und Würfeln versuchten, und solche, in denen Frauen ihre Körper für Geld verkauften. In den Straßen trieben Räuber und Mörder ihr Unwesen. Die Menschen hatten Mammon zu ihrem Götzen erhoben. Die Sünden der Menschen waren wie ein übler Geruch in den Nasen der Engel.
»Lasset uns diese Stadt vernichten«, schlug Elahar vor, »ihre Türme niederreißen und die Menschen verderben in einem Regen aus Feuer.«
»Nein, dies geziemt uns nicht«, widersprach Shahram. »Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.«
»Du hast Recht«, sagte Elahar. »Auch in dieser Stadt mag es Gerechte geben – und auch wenn Abraham einst mit dem Herrn um Sodom handelte, so steht uns dieses Recht nicht zu.«
Und die Engel hoben sich wieder in die Lüfte und sie entfernten sich von der Stadt. Da geschah es, dass ein lautes Brausen wie ein Sturmwind an ihnen vorüberzog. In dem Wind sahen die Engel schattenhafte Umrisse und grelle Lichter. Sie hörten ein lautes Dröhnen, fremdartig und bedrohlich. Zurück blieben Wolken aus beißendem Rauch. Die Blicke der Engel folgten der seltsamen Erscheinung, die schnell mit der Dunkelheit des nächtlichen Himmels verschmolz.
»Neu geschaffene, grimmige unbekannte Tiere, die Feuer speien oder stinkenden Rauch schnauben oder schreckliche Funken aus den Augen blitzen lassen.« Joachins Stimme bebte voller Zorn.
»Lasset uns sehen, wohin diese Vögel fliegen«, sagte Elahar.
Der Flug der Engel war schneller als der Wind und bald sahen sie das Licht der Sterne schimmern auf metallenen Flügeln und wirbelnden Propellern. Zwei kleine Kampfflugzeuge waren es, tödlich und schnell, die einen wahren Giganten der Lüfte eskortierten. So groß war dieses dritte Flugzeug, dass selbst die Engel ergriffen wurden von Staunen und Ehrfurcht. Es hatte viele Geschütztürme, aus denen die Läufe von Maschinengewehren wie Hörner hervorragten. In seinem Bauch trug es eine Ladung von tödlichen Bomben.
»Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel«, rief Joachin. »Und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen.«
Und die Engel flogen vor die gläsernen Kanzeln der Flugzeuge und dort sahen sie die Piloten – und die Piloten sahen die Engel.
Es ist nicht überliefert, welche Flüche die Männer von sich gaben, als sie die Engel sahen. Auch die Worte, die sie über Funk an ihren Stützpunkt übermittelten, sind verloren. Doch es ist anzunehmen, dass sie erahnten, welcher Art die Wesen waren, denen sie sich gegenübersahen. Und die Engel erkannten, welchem Zweck die gewaltigen Maschinen dienten. Sie spürten, dass die Herzen der Männer darin verhärtet waren. Die Männer waren Soldaten, wie die Engel sie schon seit undenklichen Zeiten kannten. Sie waren nicht besser oder schlechter als die Männer, die einst ihre Schwerter für König David in die Schlacht getragen hatten. Doch diese Männer hier trugen keine Schwerter. Sie hatten Waffen, die auf das Krümmen eines Fingers hin Tausende von Leben auslöschen konnten. Diese Vermessenheit ließ den Zorn der Engel erwachen und ihre Augen leuchteten wie Feuer und aus ihren Mündern kamen Flammen wie Schwerter hervor.
Da wandte sich Elahar an den Piloten des Bombenflugzeuges und er tat seinen Mund auf und sprach: »Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!«
Und Shahram wandte sich an den Piloten des ersten Jägers und er tat seinen Mund auf und sprach: »Ihr habt's lange genug schlimm getrieben, ihr Fürsten der Erde; lasst ab von Frevel und Gewalttat und tut, was recht und gut ist.«
Und endlich wandte sich Joachin an den Piloten des dritten Flugzeuges und auch er tat seinen Mund auf und sprach: »Tue Buße; wenn aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und gegen dich streiten mit dem Schwert meines Mundes.«
Die Stimmen der Engel übertönten das Dröhnen der mächtigen Flugzeugmotoren. Sie drangen durch das Glas der Kanzeln und die ledernen Hauben der Piloten. Der Pilot des dritten Flugzeuges war voller Angst, als er die flammenden Augen des Engels sah. Er war kein schlechter Soldat, doch auf diese Situation war er nicht vorbereitet. Sein Daumen drückte den Knopf, auf dem er schon geruht hatte, seit die drei Engel wie aus dem Nichts erschienen waren. Die beiden Maschinengewehre des kleinen Jägers spien Tod und Vernichtung gegen den Engel.
Eine Salve von Geschossen drang in Joachins Körper ein. Der Engel taumelte in seinem Flug, doch sein Leben war noch nicht beendet. Denn auch, wenn sie nicht unverwundbar sind, so sind die Körper der Engel doch von einer anderen Beschaffenheit als die der Menschen. Und Joachin streckte seine Hand aus, in den Propeller des Flugzeugs, und dieser zersplitterte in einem Wirbel aus Metall und Blut.
Als Shahram sah, wie sein Gefährte von den Geschossen durchbohrt wurde, schrie er auf voller Zorn. Das Leuchten seiner Augen nahm noch zu und er stürzte sich auf das zweite Jagdflugzeug. Mit bloßen Händen riss er das schwere Maschinengewehr aus seiner Halterung in der Tragfläche heraus. Ein breites Loch klaffte in dem Blech des Flügels und das Flugzeug trudelte davon in die Schwärze der Nacht.
Sharam blieb zurück, die nutzlose Waffe immer noch in der Hand. Er ließ sie fallen, dem fernen Erdboden entgegen, als er sich Elahar und dem Bombenflugzeug zuwandte. Die Geschütztürme des gewaltigen Flugzeuges feuerten aus allen Rohren auf die furchterregenden Gestalten, die sich mit feurigen Augen näherten. Beide Engel wurden von den grausamen Geschossen getroffen, und sie spürten, wie das heiße Metall ihre Leiber durchdrang. Bevor seine Kräfte ihn verließen, schaffte Elahar es noch, zwei der wirbelnden Propeller zu vernichten, die das Flugzeug durch die Lüfte trugen. Shahram gelangte an das Heck des Flugzeuges, blutend aus vielen Wunden, und er zerriss das Leitwerk mit der bloßen Kraft seiner Hände. Auch dieses Flugzeug verschwand in der Dunkelheit, wie die anderen zuvor.
Die beiden Engel blieben zurück und zu ihnen gesellte sich Joachin, der den Kampf seiner Gefährten aus der Entfernung verfolgt hatte. Sie sahen noch, wie eine kleine Schar weißer Fallschirme langsam durch die Nacht entschwebte.
»Der Drache ist besiegt«, sagte Elahar mit schwacher Stimme und Joachin nickte befriedigt. Gemeinsam sanken die drei Engel hinab, sterbend oder schon tot, und sie erreichten den Boden nicht weit entfernt von dem brennenden Wrack des gewaltigen Flugzeugs.
*
Die Absturzstelle lag in einer abgelegenen Gegend, viele Meilen von dem Stützpunkt entfernt, dem die Maschinen entgegengestrebt waren. Die Trümmer waren weit verstreut und auch die überlebenden Piloten konnten erst nach einer groß angelegten Suche geborgen werden.
Drei Tage waren seit dem Absturz vergangen, als sich zwei Fahrzeuge einen Weg durch das raue Gelände bahnten. Zuerst traf ein Jeep der amerikanischen Armee ein, besetzt mit einem Offizier und seinem Fahrer. Wenig später kam eine schwarze Limousine hinzu, aus der ein Mann in einem schwarzen Anzug stieg. Er trug eine dunkle Sonnenbrille. Zwischen Haufen von zerrissenem Metall fanden sie die Leichen der Engel. Sie lagen beieinander – ihre Körper gezeichnet von zahlreichen Wunden, doch zweifellos nicht menschlich, nicht von dieser Welt.
»Verdammte Schweinerei«, murmelte der General, als er auf die Engel hinunterblickte. »Die Öffentlichkeit darf nie davon erfahren.«
»Dafür ist es zu spät«, antwortete der Mann mit der Sonnenbrille. »Wir haben mehrere frische Reifenspuren gefunden, nicht weit entfernt von hier. Jemand ist uns zuvorgekommen, ein paar Farmer wahrscheinlich. Bald wird jeder hier in der Gegend davon wissen.«
»Habt ihr Jungs nicht eure Methoden, um lästige Zeugen loszuwerden?«
»Vielleicht.« Der Schwarzgekleidete zuckte mit den Schultern. »Aber wir wissen nicht, wie viele es von ihnen gibt.«
»Verdammte Schweinerei«, wiederholte der General. »Wir können es nicht verheimlichen – aber glauben wird es uns auch keiner.«
»Natürlich wird es niemand glauben. Denn wir werden es niemandem erzählen.«
»Aber was ist mit den Zeugen? Was sollen wir jetzt tun?«
»Ganz einfach.« Der Mann mit der Sonnenbrille zeigte ein freudloses Lächeln. »Wir werden ein Gerücht in die Welt setzen, dass hier ein Fluggerät von Außerirdischen abgestürzt ist. Das ist immer noch besser als die Wahrheit.«
»Außerirdische?«, fragte der General. »Aber das ist doch Unsinn.«
»Na und? Je unsinniger, desto besser. Wir könnten von einer Flugscheibe reden. Oder einem fliegenden Teller. Irgendetwas wird uns schon einfallen.«
»Aber niemand wird das glauben, so verrückt sind die Leute doch nicht.«
»Natürlich wird man es glauben«, sagte der Mann in Schwarz. »Denn wir werden es dementieren. Sie nehmen Ihren Schrott hier mit zurück nach Roswell. Ein paar Brocken können Sie liegen lassen, für die Schaulustigen. Ein paar Farmer und Schafzüchter werden sich abenteuerliche Geschichten ausdenken - und in ein paar Monaten wird niemand mehr von der Sache reden. Da bin ich mir sicher.«
Nachwort.
Am 08. Juli 1947 erschien in der Roswell Daily Record ein Artikel mit dem Titel RAAF Captures Flying Saucer On Ranch in Roswell Region. Wenige Tage später wurde unter dem Druck der Roswell Army Air Force ein revidierter Artikel veröffentlicht. Doch die Wahrheit wurde nie aufgedeckt – bis heute.
ENDE
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