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Christian
LESEPROBE
Christian ging den üblichen Weg durch das Weender Tor und die Karspüle zum Botanischen Garten. Auch an diesem Morgen kehrte er zunächst bei seinem Professor ein, um dort etwas zu essen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Dann machte er sich auf die Suche nach Jeremias. Da er den jungen Mann nicht im Garten sah, ging Christian zielstrebig zu dem Gewächshaus. Er wusste, dass Jeremias dort auch die Nächte verbrachte. Die Tür stand offen, und im Haus war es ungemütlich kalt. Seltsam - das Feuerholz war knapp, und normalerweise achtete Jeremias darauf, die kostbare Wärme nicht entweichen zu lassen.
Beunruhigt ging Christian in den Garten zurück und schritt die Reihen der Beete ab. Er begegnete dem alten August, der mit einem Rechen den Weg entlangschlurfte, doch auch der grauhaarige Gärtnergehilfe hatte Jeremias nicht gesehen. Endlich hörte Christian das leise Winseln eines Hundes und folgte eilig dem Geräusch. Es führte ihn hinter ein Gesträuch am Rande des Gartens, nahe bei den Wallanlagen. Das Erste, was Christian erblickte, waren zwei Füße in zerschlissenen Schuhen. Er erstarrte für einen Moment und ging dann zögernd weiter. Es war Jeremias. Er lag flach hingestreckt auf dem Boden, und seine Jacke war getränkt mit Blut, doch seine Hand, die über der Brust lag, bewegte sich leicht. Hektor saß nahebei und sah zu Christian auf, als könnte dieser den Jungen ins Leben zurückbringen. Christian kniete sich neben den Verwundeten und fasste nach seiner Hand. Sie war beängstigend kühl. Jeremias' Augen öffneten sich, und er versuchte zu sprechen, doch keine Worte kamen über seine Lippen. Christian erhob sich rasch - vielleicht würde Professor Roederer helfen können. Als er sich umwandte, stand ein französischer Sergeant vor ihm, den Degen in der Hand.
"Merde!", sagte der Franzose.
Christian sah an sich herunter. Seine Hand war blutig, und die Hose verschmutzt von der Erde des Gartens.
"Wir brauchen Hilfe", sagte er.
Der Soldat schien nicht zu begreifen und gab einen kurzen Wortschwall von sich. Christian hatte Lektionen in französischer Konversation besucht, doch der Dialekt des Mannes gab ihm Rätsel auf. Das Gesicht des Franzosen verhieß nichts Gutes.
"Ich muss Hilfe holen", sagte Christian auf Französisch. "Professor Roederer." Er machte einen Schritt in Richtung des Gebäudes, doch der Soldat trat ihm in den Weg, den Degen nach vorne gestreckt. Christian breitete in einer Geste der Hilflosigkeit die Arme aus, dann ließ er sich wieder neben Jeremias auf ein Knie sinken. Ihm wurde klar, dass man ihn für einen Mörder hielt. Würde man ihm Gelegenheit geben, seine Unschuld zu beweisen? Er fasste die Hand des Sterbenden, konnte aber keinen Puls erspüren. Neben Jeremias lag der hölzerne Stiel einer Harke. Aus dem Augenwinkel schaute Christian zu dem Franzosen. Der Soldat gestikulierte wild zu einer Patrouille hin, die auf dem Wall entlanglief. Was nun? Flucht oder Vertrauen in die Gerechtigkeit der Franzosen? Der Degen war immer noch auf Christian gerichtet, doch die Aufmerksamkeit des Mannes galt seinen Kameraden.
Christian nutzte die Gelegenheit. Er fasste den Stiel, schlug damit den Degen des Soldaten zur Seite und führte einen weiteren Schlag gegen den Kopf seines Kontrahenten. Benommen taumelte der Franzose in den nahe stehenden Strauch. Christian rannte los. Wenigstens waren die vielen Stunden auf dem Fechtboden zu etwas nutze gewesen. Er lief aus dem Botanischen Garten hinaus auf die Karspüle und wandte sich nach Westen. Als er die Weender Straße erreichte, hörte er auf zu rennen, um nicht unnötig Verdacht zu erregen. Er mied das Weender Tor, wo sich immer einige Soldaten aufhielten, und bog in die kleine Straße neben dem Reitstall ein.
Die westlichen Außenbezirke der Stadt bestanden aus schäbigen Häusern, manche von ihnen halb zerfallen. Die Straße hatte hier kein Pflaster, und der aufgeweichte Boden war durchsetzt mit Pferdemist und lange herumliegenden Unrat. Während er sich bemühte, dem übelsten Schmutz auszuweichen, stürzte die Bedeutung der Geschehnisse auf ihn ein. War die Flucht ein Fehler gewesen? Aber der französische Sergeant schien ihn ohnehin für schuldig zu halten. Christian wusste, dass er von den Franzosen keine Gnade erwarten konnte. Er musste untertauchen oder die Stadt verlassen, so schnell wie möglich. Es war ein langer Weg nach Hannover für einen Flüchtling ohne Passierschein, aber immer noch besser als der Tod am Galgen. Als er sich wieder umsah, stellte Christian fest, dass er unbewusst den Weg zu seiner Wohnung eingeschlagen hatte. Er befand sich auf der Brücke über die Neue Leine, nahe bei der Londonschenke, wo keine Mauer mehr die Kernstadt von den Außenbezirken trennte. Er zögerte kurz. Würde man ihn zu seinem Haus verfolgen? Vielleicht, aber sicher erst nach einiger Zeit. Entschlossen schritt er aus. Er würde dort nicht bleiben können, aber zumindest wollte er seine Kleidung wechseln und alles Geld mitnehmen, das er noch hatte.
...
(C) 2009 Bernhard Weißbecker
Magisches Göttingen:
Der Höllenzwang
Stein-Medien GmbH
ISBN 978-3940660022
276 S.
1. Aufl. 22.12.2009
Schicksalhafte Ereignisse bahnen sich im Dezember 1760 an, als der Spion Sir Peter Winter in das von den englisch-hannoveraner Truppen belagerte Göttingen eindringt, um die Moral der französischen Soldaten zu schwächen, und so die Besatzer zur Aufgabe zu zwingen.
Doch für den englischen Spion steht mehr auf dem Spiel als nur eine einfache Geheimoperation, für ihn bietet sich endlich die Gelegenheit, mit seinem Erzfeind, dem Stadtkommandanten Comte de Vaux, abzurechnen, jenem Mann, der für das Massaker an Winters Familie in der Neuen Welt verantwortlich war. Von Rachedurst getrieben, bedient er sich schließlich jener dunklen Mächte, denen auch im Zeitalter der Aufklärung kein Sterblicher gewachsen ist ...
Hexen, Husaren, Höllenwesen – ein historisch-fantastischer Roman der SciFan Writer’s Group, der im Göttingen des 18. Jahrhunderts spielt.
In einem Gemeinschaftsprojekt schildern wir aus sieben Perspektiven Schicksale im belagerten Göttingen, die miteinander verknüpft unaufhaltsam dem großen Finale entgegensteuern.
Mit Geschichten von:
Ulrich Drees · Eiko Lajcsak · Markus Ritter · Marianne Schmidt · Silvia Schnorrer · Volkhart Wagner · Bernhard Weißbecker
Das Titelbild schuf Klaus Scherwinski.